Posts mit dem Label unterwegs werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label unterwegs werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 13. August 2017

Ärzte, Friedhöfe und das Ringen um Selbstfürsorge


Seltsam, wozu sich ein Arztbesuch und ein paar anschließend gemachte Bilder manchmal entwickeln. Ursprünglich sollten in diesem Artikel die Fotos die Hauptrolle spielen, aufgelockert durch nicht allzu viel erklärenden Text. Das Ganze spielte sich bereits vor über einer Woche ab.

Warum schreibe ich den Artikel erst heute?

Weil sich unvermutet Zusammenhänge zeigten, die ich bei dem Spaziergang überhaupt nicht im Blickfeld hatte. Und auf einmal sitze ich zu Hause vor dem PC und habe mehr Themen zur Auswahl, als mir lieb ist. Zu vieles, was mir durch den Kopf geht und von dem ich nicht weiß, was ich davon wählen soll, da alles wichtig zu sein scheint.

Themen wie Abschied, Verlust, Schmerz und Tod begleiten mich die letzten Monate intensiver. Wie geht man mit Erinnerungen um? Was macht den Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid? Wie steht es mit meiner Selbstfürsorge? Alte und neue Verhaltensmuster. Und was von diesem Konglomerat ist für mich momentan am wichtigsten?

Die Frage, ob ich am Ende nicht doch lieber einen 08/15 Artikel schreiben soll, in dem nichts davon vorkommt, stellt sich mir ebenfalls. Eine schlichte Aneinanderreihung von Worten und Bildern. Dann stünde wenigstens wieder etwas im Blog.

Wäre ich damit zufriedener? Wohl kaum.

Am Ende überlasse ich der Zeit die Entscheidung. Warte ab, welche Gedanken sich nach einer Woche hartnäckig halten, sich aufdrängen, Spalier stehen. Gewonnen hat das Thema Selbstfürsorge.

Was letztendlich im Blog erscheint, wird naturgemäß immer nur ein kleiner Bruchteil meiner Gedankengänge sein.


Baustelle gesundheitliche Selbstfürsorge


Im Großen und Ganzen bin ich mit meiner eigenen Selbstfürsorge ganz zufrieden. Zumindest mit dem Teil, bei dem es um meine alltäglichen psychischen Bedürfnisse geht.

Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn ich mir meine Gesundheitsfürsorge anschaue. Mit der stehe ich, seit ich denken kann, auf Kriegsfuß. Arztbesuche sind mir ein Greuel. Nicht, weil ich Ärzte nicht mag, sondern weil ich es schlicht für überflüssig halte, sie aufzusuchen, sofern ich mich noch bewegen kann und mein Kopf sich weiterhin auf meinem Hals und nicht unter meinem Arm befindet.

Das hat sich zwar in den letzten Jahren sehr gebessert, aber ich bin bis jetzt weit von einem für mich zufriedenstellenden Zustand entfernt. Nach wie vor schiebe ich Arztbesuche möglichst weit vor mir her. Mein innerer Widerstand gesundheitlich gut für mich zu sorgen, ist enorm und jetzt erst komme ich so langsam dazu, dem auf den Grund zu gehen. Es waren lange Jahre mit zu vielen umfangreichen Baustellen und es gab so vieles, was ich als dringlicher empfand.

Wo liegt die Ursache?


Erinnerungsfetzen


- Ich bin neun oder zehn, sitze an dem großen braunen Nussbaumtisch in dem Raum, der gleichzeitig Wohnzimmer, Küche und Elternschlafzimmer darstellt, presse die linke Hand in meine Magengrube und krümme mich vor Schmerzen. Sobald ich etwas esse, wird der Schmerz schlimmer.

"Stell Dich nicht so an!" "Du hast gar nichts, Du willst nur nicht raus!" "Das bildest Du Dir bloß ein!" Das sind nur einige der Sätze, die ich zu hören bekomme. Lediglich meine Mutter glaubt mir, aber sie steht mir nur heimlich bei. Dann, wenn es weder mein Stiefvater noch meine Oma sehen können. Also versuche ich den Schmerz zu ignorieren und nur zu weinen, wenn es niemand sieht.


- Ich bin zwölf. Das Internat ist klein, ein etwas größeres Einfamilienhaus und steht in einem  hessischen Dorf. Seit Tagen gehe ich fast die Wände hoch vor Bauchschmerzen. "Stell Dich nicht so an, das ist bloß Deine Periode!" Tagelang. Als sie mich endlich ins nächste Dorf zum Arzt bringen, ist mein Blinddarm kurz vor dem Durchbruch. Innerhalb einer Stunde schafft man mich mit dem Taxi in das weiter entfernte Krankenhaus, eine Stunde später liege ich auf dem OP-Tisch.


- Längst erwachsen, kurz nach der Geburt meiner Tochter. Ich liege im Bett und beiße in mein Kopfkissen, um nicht zu schreien und meinen Mann zu wecken. Darmkrämpfe, das sind höllische Schmerzen.


Meine Biografie liefert die Erklärung für mein Verhalten. Der Blick zurück hilft mir nicht nur dabei mich und meine Handlungsweise zu verstehen, er hilft mir ebenso, mein Verhalten zu ändern.

Womit wir zu dem schweren Teil übergehen:


Dem Erlernen neuer Verhaltensweisen.


Eingefahrene Gewohnheiten sind vergleichbar mit einer dreispurigen Autobahn. Das Gehirn hatte viel Zeit entsprechende Verbindungen zwischen den einzelnen Synapsen herzustellen und die verstrichene Zeit hat diese Synapsenverbindungen ausgebaut und gefestigt. Da es sich um eine ständig genutzte Verbindung handelt, neigen wir Menschen dazu, diese Straße zu bevorzugen. Sie ist vielfach erprobt, hat uns in der Vergangenheit vermeintlich hervorragende Dienste geleistet, verfügt über keinerlei Schlaglöcher oder Stolperfallen und führt uns sicher ans Ziel.

Ans Ziel? Oder doch drum herum und weit vorbei? Hat uns diese Autobahn wirklich genutzt oder eher geschadet? Ist das, was in unserer Kindheit überlebenswichtig war, heute noch sinnvoll? Schaut man, bzw. ich, genau hin, muss ich alle diese Fragen, bis auf die zweite, verneinen.

Es gilt also, eine neue Straße zu bauen. Neue Strategien müssen her, damit ich mich so um mich kümmern kann, wie ich es verdiene.

Neue Verbindungen zwischen den Synapsen zu bauen, ist möglich. Einfach ist es nicht. Es fühlt sich an, als versuche man sich mit einer Machete einen Weg durch einen undurchdringlichen Dschungel zu bahnen und immer, wenn man glaubt, man hat ein Stück des Weges erschaffen, zeigt ein zweiter Blick, dass der Dschungel den Trampelpfad schon wieder zurückerobert hat. Schlimmer noch, die dreispurige Autobahn liegt jederzeit im Blick und scheint lockend und verführerisch zu rufen.

Aber hey, der Dschungelpfad ist ein winziges bisschen weniger bewachsen, und wenn der neue Weg nur oft genug benutzt wird, entfaltet er sich zum Trampelpfad und irgendwann zur holprigen Landstraße, die sich weiterentwickelt.

Viele dieser Dschungelpfade habe ich schon mit der Machete bearbeitet. Inzwischen sind die meisten davon gut fahrbare Straßen geworden und an die alten Autobahnen erinnern nur noch ein paar Asphaltstücke irgendwo im Dschungel der Vergangenheit.


Zurück zu den Banalitäten des Alltags


Nun habe ich einen großen Bogen geschlagen und ein paar Umwege hinzugefügt, um letztendlich über die einfache Tatsache zu berichten, dass ich an einem Tag gleich in zwei Arztpraxen vorstellig wurde. Zugegeben, in der ersten musste ich mir nur ein Rezept abholen, aber selbst dafür muss frau sich ja aufraffen. Immerhin suchte ich die zweite Praxis ganz freiwillig auf, ohne das eine dringende Notwendigkeit vorlag. Was mir prompt weitere Termine bescherte. Schöne Bescherung!

Das klingt äußerst banal und ist es für viele wohl. Für mich ist das ein Fortschritt. Ein nicht zu unterschätzender obendrein, was mich mit einem gewissen Stolz erfüllt. Stolz, dass ich nicht der Verlockung der Autobahn erlegen bin, sondern die mentale Machete geschwungen habe und mein Trampelpfad langsam gangbarer wird. Trotz seiner noch vorhandenen Stolpersteine, seiner tückischen Schlammlöcher und wild wuchernden Pflanzen.

Ein dreifaches Hurra auf mich! 

Dieser denkwürdige Tag hielt außer den Ärzten ein heftiges Unwetter parat, so dass ich auf dem Weg vom Arzt zur Apotheke Mühe hatte, mich mit meinem Schirm gegen die herabströmenden Wassermassen zu schützen. Zu meinem Glück war das Schlimmste bereits vorbei und als ich die Apotheke wieder verließ, hatte der Himmel seine Schleusen wieder geschlossen.

Und so nutzte ich die Gelegenheit, zu der weiter entfernten Bushaltestelle zu laufen. Da blitzte tatsächlich die Sonne zwischen den Wolken hervor und so ging ich einfach weiter, wechselte die Straßenseite, und ehe ich mich versah, stand ich auf dem Friedhof. Die Kamera hatte ich dabei und so schien es mir eine gute Idee zu sein, die Auswirkungen des Regens auf Blüten und/oder Blättern zu dokumentieren. Außerdem würde ein Spaziergang die Anspannung lösen, unter der ich schon den ganzen Tag stand.


Auf dem Friedhof


Nur ein paar Minuten. Nur kurz Durchatmen, wieder zu mir kommen. Mich erden. Ein paar wenige Schritte nur. Vielleicht ein gelungenes Foto der Regentropfen.

Von den Bäumen fallen schwere Wassertropfen und so ziemlich das Erste, was ich sehe, ist ein Eichhörnchen. Diese flinken Gesellen sind nur schwer mit der Kamera einzufangen, ich versuche es dennoch. Das Ergebnis ist eher so lala, aber ich zeige es trotzdem.

Ein Eichhörnchen klettert auf den Baum
Eichhörnchen im Gras
Nur noch ein oder zwei Fotos. Vielleicht von den Rosen, die dort hinten wachsen. Mit den nackten Füßen in den flachen Sandalen durch das regennasse Gras. Oh, was ist das da hinten? Mit der Kamera in der Hand vergesse ich meine Umwelt ober genauer gesagt, ich ignoriere Wege und Pfützen, weil mich von Weitem ein Motiv reizt, das sich bei näherer Betrachtung als ordinäre und fehl am Platze fühlende Plastikblume erweist. Plastikblumen in der Natur empfinde ich als Frevel und absolut unangebracht. (Nein, davon gibt es kein Foto!)

Regentropfen auf einer roten Rose

Zuerst fällt mir eine Grabstelle der Familie Mendelssohn auf, dann finde ich durch Zufall die alte Kapelle mit der Dauerausstellung über die Gräber der Familie und verbringe einige Zeit dort mit dem Lesen der Familiengeschichte. Für einen einzigen Besuch ist das zu viel Input und nach über einer Stunde beschließe ich, dass ich mindestens noch einmal wiederkommen muss.


Ziellos schlendere ich weiter über die ineinander übergehenden Friedhöfe. Fotografiere dort ein paar wunderschöne, mit Wassertropfen benetzte Rosen, finde das Grab des königlichen Hofschauspielers Paul Dehnicke , auf dessen Grabstein eine Eule wacht, und entdecke den herrlichen Rittersporn.

Grabstein des Königlichen Hofschauspielers Paul Dehnicke
Blau-violette Blüten des Rittersporns
Blauer Rittersporn erinnert mich immer an ein Buch aus meiner Jugend. Darin ging es um ein Flüchtlingsmädchen, das nach dem Zweiten Weltkrieg bei einer Verwandten Zuflucht fand, die nicht gerade freundlich war. An viel mehr der Handlung entsinne ich mich nicht, nur daran, dass der Rittersporn eine wichtige Rolle in dem Roman spielte. Er weckte immer das Heimweh des Mädchens, wenn sie seiner ansichtig wurde. Lange wusste ich nicht einmal, wie Rittersporn überhaupt aussieht. Aber als ich ihn das erste Mal bewusst sah, wusste ich gleich, was es ist. Die Sehnsucht des Mädchens nach seiner verlorenen Heimat werde ich immer mit den blauen Blüten des Rittersporns in Verbindung bringen.

Regentropfen unter einem Blatt
Schon von Weitem sehe ich den riesigen weißen Engel und ändere meine Richtung. Den will ich näher betrachten. Der Engel gehört zur Grabstelle des Industriellen Carl Siemens. Die beiden Gräber von Mutter und Tochter berühren mich. Sie erzählen eine eigene traurige Geschichte.


Weiter führt mein Weg. Sonne, Wolken und Spiegelungen in einer großen Pfütze sind meine Begleiter.

Himmel und Wolken in einer Pfütze
Ein frischer Kranz aus weißen Lilien und roten Rosen erregt meine Aufmerksamkeit. Die Abendsonne verwandelt Regentropfen in glitzernde Kristalle. Bezaubernde Schönheit, die mich den Atem anhalten lässt. So fragil, so zerbrechlich.


Es wird Zeit nach Hause zu gehn. Mein Magen knurrt und holt mich unsanft in den Alltag zurück. Das Grabmal des königlichen Leibarztes Carl Wilhelm Moehsen mit der halb liegenden Frauengestalt bildet den Abschluss meines Friedhofsausflugs.


Selbstfürsorge. Das ist mehr als ein paar Arztbesuche, mehr als ein Spaziergang und mehr als ein paar Bilder. Es ist alles zusammen und noch wesentlich mehr.


Ariana

 >>>>>>>>>>>>>>>>>>>><<<<<<<<<<<<<<<<<<<


Bitte beachten! Das Urheberrecht an diesem Text  liegt ausschließlich bei mir! Jede Veröffentlichung, auch auszugsweise, auf anderen Seiten (Blogs, Foren usw.) ist untersagt und bedarf meiner ausdrücklichen schriftlichen Genehmigung!



© Foto & Text by Ariana Lazar 13/08/2017

Alle Rechte vorbehalten >< All rights reserved

Freitag, 30. Juni 2017

Auftanken - Futter für die Seele

Bevor ich ausführlich auf die beiden Tage eingehe, die ich auf dem Armutskongress 2017 verbracht habe, gibt es heute einen kleinen Exkurs zu den Dingen, die mir die Kraft geben, solche Tage durchzustehen.

Kongresse, gleich welcher Art, sind nicht nur informativ und lehrreich, sondern sie sind gleichzeitig auch extrem anstrengend und hinterlassen bei mir am Ende immer ein Gefühl der Erschöpfung.

Sich einmischen, mitmischen, das kostet mich stets viel Energie, die mir bekanntlich nicht im Übermaß zur Verfügung steht. Schon gar nicht in Zeiten, in denen mir jeder Schritt, jede Handlung schwerfällt und so etwas wie eine "Energiereserve" längst aufgebraucht ist.


Auftanken


Glücklicherweise gibt es immer wieder Ereignisse, die diese Reserve auffüllen.

Jeder Mensch verfügt über individuelle Energieauffüller. Bei mir gehören die seltenen Familientreffen unbedingt dazu. Bei unseren Treffen geht es meist laut und lebhaft zu. Es wird viel gelacht, diskutiert und wild durcheinandergeredet.

Mein ältester Sohn lebt und arbeitet in einer anderen Stadt und so bilden seine Besuche in der Heimat oft den Anlass für unsere Zusammenkünfte.

Als Treffpunkt dient in den meisten Fällen meine Wohnung, so geschehen am letzten Samstag. Das war aber keineswegs der Höhepunkt des Tages, der ereignete sich später.

Nachdem wir einige Zeit bei mir verbracht hatten, hat sich ein Teil der Familie zu Fuß auf den Weg zu "unserem" Inder gemacht und dort ausgezeichnet gegessen. Als es dann Zeit für den Höhepunkt des Abends wurde, verabschiedete sich meine Tochter, und mein Ältester und ich machten uns auf den Weg zum Gendarmenmarkt.


Seelenbalsam


Unser Ziel war der Französische Dom, genauer gesagt, die Friedrichstadtkirche. Dort genossen wir dann ein wunderbares Chopinkonzert.

Kanzel in der Friedrichstadtkirche
Die Friedrichstadtkirche verfügt über einen wunderschönen Innenraum, in der die Kanzel besonders herausragt. Leider war die Luft dort sehr stickig. Die fehlende Möglichkeit, seine Garderobe abzugeben, fällt im Sommer kaum ins Gewicht, die nicht vorhandenen Toiletten dagegen schon. Ein Catering gab es dort auch nicht, sodass man in der Pause leider nichts zu trinken bekommen hat.

Aber wir waren ja des Klavierkonzertes wegen da, da nimmt man einige Unannehmlichkeiten eben in Kauf.

Der Bechsteinflügel der Pianistin Nestan Bagration-Davitashvili
Die Musik Chopins findet ohne Umwege direkt den Weg in meine Seele und ich genieße solche Abende sehr. Und so saß ich, meistens mit geschlossenen Augen, im Saal und lauschte der hervorragenden Pianistin. (OK, teilweise hatte ich die Augen zu, weil mich das permanente Rumfummeln, der Frau eine Reihe vor mir, in Gesicht und Nacken, total irritiert hat. Ich wollte die Musik genießen und nicht davon abgelenkt werden.)

Immer, wenn ich Chopin höre, habe ich den Eindruck, dass Chopin das in Noten festgehalten hat, was ich fühle. Tiefer hat mich Musik noch nie berührt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl von Einssein, von totaler Übereinstimmung. Ich kann es schlicht nicht in Worte fassen, weil es ein überwältigendes Gefühl ist, das sich jeder Beschreibung entzieht. Seelenbalsam in seiner reinsten Form.

An dieser Stelle ein dickes Danke an meinen Sohn, der mir dieses wunderbare Erlebnis zum Geschenk gemacht hat!

Der Ausklang des Abends gestaltete sich dagegen eher profan. Ein letzter Latte macchiato in lieber Gesellschaft bei McDonalds und dann im Bus ab nach Hause.

Familie, leckeres Essen und danach fantastische Musik. Besser kann ein Tag kaum sein!

Möge es noch viele solcher Tage geben.


Ariana






© Foto & Text by Ariana Lazar 30/6/2017

Alle Rechte vorbehalten >< All rights reserved

Mittwoch, 21. Juni 2017

Ein schöner Tag


In diesem Monat hat mich das "schwarze Monster" wieder einmal fest in den Krallen. Dabei sollte es eigentlich, so dachte ich jedenfalls, endlich wieder besser werden, nachdem das Theater um die Teilhabeleistungen endlich ad acta gelegt ist. Zwar fehlt mir noch das endgültige "OK" des Amts, aber immerhin habe ich keinen zusätzlichen Papierkram mit den entsprechenden Behördengängen mehr an der Backe. 

Zweieinhalb Jahre Anstrengung, Kampf und Krampf glücklich vorbei, da macht sich zuerst Erleichterung breit und das Gefühl, endlich wieder Raum zu haben, um andere Dinge in Angriff zu nehmen.

Was tatsächlich momentan geblieben ist, ist ein Gefühl der Erschöpfung, wie es wohl auch andere erleben, wenn eine anstrengende und intensive Zeit zu Ende geht.

Ein neuer Abschnitt beginnt, von dem ich noch nicht weiß, wie er sich entwickeln wird und das Beendete hinterlässt eine Lücke.

Dazu kommt, dass der Juni schon seit vielen Jahren mit Erinnerungen belastet ist, die ich nicht einfach abstreifen kann. Der Spruch "Die Zeit hält alle Wunden." trifft keineswegs immer zu und selbst, wenn die Wunde an sich "geheilt" ist, bleiben unter Umständen dicke, schmerzende Narben zurück. Zu manchen Zeiten sind die Narben kaum spürbar, zu anderen scheint die Narbe unvermittelt frisch und der Schmerz kaum erträglich.

Damit lebe ich. Mal mehr, Mal weniger gut. Im Moment eher weniger.

Jedenfalls sitze ich derzeit tief im Loch, meine sozialen Kontakte tendieren gegen null und der Wunsch, die Wohnung zu verlassen und sich unter Menschen zu begeben dürfte im mindestens zweistelligen Minusbereich liegen.

Für Dienstag, also während ich schreibe noch heute, bei der Veröffentlichung des Beitrags wohl eher gestern, war ich zum Grillen eingeladen.

Bis fast zur letzten Minute habe ich gegen das Bedürfnis angekämpft, einfach zu Hause zu bleiben, auch wenn mir absolut bewusst war, dass mir etwas Aktivität, Kontakt, frische Luft und Sonne mehr als wahrscheinlich einfach gut tun wird.

Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, mich selbst zu überreden, denn das ist keinesfalls die Regel, aber am Ende zählt nur, dass ich den Weg doch gemacht habe.

Und ich habe keinen Augenblick bereut. Im Gegenteil. Es war schön ein paar bekannte Gesichter wiederzusehen, ein paar liebe Umarmungen zu bekommen und zwei, drei unbeschwerte Stunden in netter Runde zu verbringen.

Nach dem Grillen ging es mit einem Freund noch in ein nahe gelegenes Cafè und dort schlossen sich einige Stunden mit reden, lachen, Latte macchiato trinken, häkeln (mein Stuhl-Rückenkissen muss endlich fertig werden) und Entspannung an.

Den Abschluss meines Tages bildete der Spaziergang nach Hause. Die größte Hitze war endlich vorbei und so habe ich den Weg zurück sehr genossen. Ganz zum Schluss habe ich dann noch ein Foto von dem wunderbaren Abendhimmel gemacht, den ich lange und ausgiebig bewundert habe.

Abendhimmel über dem Kanal
Manchmal ist das Schwerste das Beste für einen selbst.


Nächtliche Grüße

Ariana




© Fotos & Text by Ariana Lazar 21/06/2017

Alle Rechte vorbehalten >< All rights reserved

Sonntag, 2. April 2017

Schlechte Witze und schöne Nasen

Aprilscherze


Es gibt solche und solche Aprilscherze. Nur wenige sind wirklich lustig. Die meisten ihrer Art empfinde ich als ausgesprochen dämlich und einige "Scherze" waren gar nicht als solche gedacht und gehören sowieso eher in die Rubrik: "Wenn ich Zeit finde, lache ich morgen darüber!" Zur letzteren Sorte gehört das erste Ereignis.

Gestern war ich länger mit der S-Bahn unterwegs. Rausgefahren war ich, weil eine Bekannte mir das Frühlingsfest in einer Kreativwerkstatt empfohlen hatte. Diesen Weg hätte ich mir sparen können, von "Fest" war da nicht viel zu bemerken.

Was im Internet bombastisch mit "großer Ostermarkt im Hof mit frühlingshaften Angeboten xxx sowie kulinarischen Köstlichkeiten" beworben wurde, entpuppte sich in der Realität als ein überschaubarer Hinterhof, in dem vier oder fünf kleine Stände aufgebaut waren. An einem der Stände wurde selbst genähte schreiend bunte Kinderkleidung angeboten, an einem zweiten gab es diverse Kinderbücher und was auf den anderen lag, habe ich vergessen. Des Weiteren wurde in einer winzigen Ecke des Hofes an einem kleinen Tisch "Kinderschminken" angeboten. Soweit der "große Ostermarkt".

Die angepriesenen "kulinarischen Köstlichkeiten" konnte man nicht wirklich als solche bezeichnen. Profane Bratwurst, wahlweise als Tofuvariante erhältlich, bildete das Highlight der winzigen Speisekarte dargeboten an einem kleinen überdachten Stand mit einem Grill. Der Grill verbreitete einen ätzenden, extrem stinkenden Rauch, der nicht nur den Hof, sondern ebenso die geöffneten Räumlichkeiten durchzog.

Es konnten einige Räume der Kreativwerkstatt besichtigt werden. Von den Werkstätten war ich leider ziemlich enttäuscht. Die Töpferwerkstatt verfügte zwar über eine Drehscheibe, war aber ansonsten eher spärlich bestückt.

Das Ganze schien mir eher eine schlecht verkaufte Werbemaßnahme für die dort angebotenen Kurse zu sein.

Am unangenehmsten fand ich jedoch den allgegenwärtigen Rauch, dem nicht zu entkommen war. Diesen fand ich geradezu widerlich und so war ich schneller wieder weg, als ich für den Weg dorthin gebraucht hatte.

Meine Kamera lag derweil griffbereit zu Hause auf dem Wohnzimmertisch. So bleibt es diesmal bei einem aktuellen Foto "meines Ahornbaums", dessen Blüten ich jedes Jahr aus der Nähe bewundern kann.

Bienen im Anflug auf die Ahornblüten
Mit dem festen Vorsatz, mich in einem ruhigen Café von dem misslungenen Fest zu erholen, machte ich mich auf den Heimweg.


S-Bahn-Gespräche


Ein großes Stück meines Weges musste ich wieder mit der S-Bahn zurücklegen. Nach zwei Stationen stieg ein Grüppchen von drei jungen, anscheinend türkischen, Frauen zu und setzte sich auf die freien Plätze "meiner" Vierergruppe.

Anfangs drehten sich die Gespräche der Drei um irgendwelche Banalitäten. Es ging unter anderem um Beziehungen, die ihre Freundinnen führten, um das Zupfen von Augenbrauen und darum, welche künstlichen Wimpern besser passen und daher zu bevorzugen seien.

Fährt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln, bekommt man manches mit, ob man nun will, oder nicht.

Irgendwann erwähnte meine Sitznachbarin, dass sie noch nicht sicher sei, ob sie dieses Jahr in Urlaub fahren würde. Ihre Antwort auf die Nachfrage ihres Gegenübers, warum sie nicht in Urlaub fahren wolle, verblüffte mich allerdings sehr, denn sie lautete: "Ich will mir noch mal die Nase operieren lassen!"

Ich traute meinen Ohren nicht! Das Mädel war höchstens 23 Jahre alt und sie sagte "noch mal", also musste sie bereits eine derartige OP hinter sich haben. Leider war das ganz offensichtlich kein Aprilscherz.

Die drei Grazien plauderten ungeniert weiter und dem Laufe ihrer Unterhaltung konnte ich dann entnehmen, dass alle drei schon mehrere Schönheits-OPs hinter sich hatten. Zwar rieten sie der Freundin von einer zweiten Nasenkorrektur ab, empfahlen ihr jedoch gleichzeitig eindringlich rätselhafte "Spritzen". Diese Spritzen wären wesentlich billiger, genauso wirkungsvoll und besäßen keine weiteren Nachteile, als das sie jährlich wiederholt werden müssten.

Es hat mich etwas fassungslos gemacht, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Zwanzigjährigen über Magen-, Nasen- und andere Schönheits-OPs geredet haben. Das waren hübsche junge Frauen! Keine von ihnen hatte etwas Derartiges auch nur ansatzweise nötig!

Kurz bevor ich meine Haltestelle erreichte, habe ich, weil ich bin, wie ich bin, meiner jungen Sitznachbarin ans Herz gelegt, dass es bedeutend billiger und sinnvoller wäre, wenn sie sich Zettelchen mit dem Satz: "Ich bin schön, so wie ich bin!" überall sichtbar in ihre Wohnung kleben würde.

Zwar stimmte mir das kleine Grüppchen überraschenderweise einstimmig zu, jedoch bezweifle ich ernsthaft, dass sie weiter darüber nachdenken werden.

Unnötig zu erwähnen, dass die S-Bahn brechend voll war und viele der umstehenden Menschen, vor allem die männlichen Anwesenden, den vorangegangenen Wortwechsel breit feixend verfolgt hatten.

Erschreckend fand ich, was für ein furchtbar verschobenes Selbstbild diese jungen Frauen hatten. Diese Erörterung über die Vor- oder Nachteile einer absolut unnötigen Nasenoperation hat mich noch eine Weile beschäftigt.


Tagesausklang

Unweit meiner Behausung setzte ich mich in ein Café, kramte meine Wolle, die Häkelnadel und den angefangenen Kissenbezug hervor und genoss häkelnd in ruhiger Umgebung die letzten wärmenden Sonnenstrahlen.

So ganz nebenbei kam ich nicht umhin mitzuhören, dass ein Freund des Mannes am Nebentisch gerne an Socken riecht! Ich habe mich geschüttelt vor Lachen, was wiederum die Menschen am Nebentisch zum Lachen brachte.

Kann ein Tag besser ausklingen, als mit einem Lachen?



© Foto & Text by Ariana Lazar 02/04/2017

Alle Rechte vorbehalten >< All rights reserved

Donnerstag, 30. März 2017

Aktuelles Schönwetter-Intermezzo

Wilde Tulpen am Straßenrand

Das Wetter


Zugegeben, schön ist das Wetter heute nicht. Das Heute ist grau, trübe und regnerisch, wie mir meine Augen vermitteln, wenn ich den Blick Richtung Fenster schweifen lasse.

Vor zwei Tagen sah das unleugbar anders aus, denn die Sonne strahlte von einem klaren, blauen Himmel und es trieb mich tatsächlich hinaus.


Vor dem Vergnügen


"Schnell alles Notwendige einpacken und los!" So der Plan. Hahaha!

Die einzig passende Hose war reif für die Mülltonne. Zu meiner Überraschung passte mir immerhin eine alte Hose, die vor zwei, drei Jahren, als "zu eng" irgendwo ganz unten im Schrank gelandet war.

Soweit prima, aber mir beim Laufen immer auf die Säume zu treten, fand ich wahrhaftig suboptimal.

Nein, ich bin nicht geschrumpft, auch wenn meine Kinder das frecherweise behaupten würden, ich mag nur keine Schuhe mit Absätzen mehr!

Also galt es herauszufinden, von wie vielen Zentimetern Saum ich mich verabschieden musste. Es waren vier. Ausmessen, abstecken und per Hand säumen braucht schon einige Zeit und so wurde es wesentlich später, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte.

Unschlüssig, ob ich tatsächlich noch fast eine Stunde Busfahrt auf mich nehmen sollte, änderte ich meine Meinung fast im Minutentakt und diskutierte mit mir selbst. Ich bin kein leichter Gegner! 😀

Stattgefundene Debatte in Kurzfassung


Ich
Ach, das lohnt sich ja gar nicht mehr! So eine lange Busfahrt und dann nur noch so wenig Zeit, die Sonne zu genießen.

Auch Ich
Aber das Wetter ist so schön und es ist richtig warm. Das wird mir guttun!


Ich
Oh nein! Bis ich im Park bin, ist es schon vier! Das lohnt sich kaum!

Auch Ich
Es lohnt sich doch! Dann läufst Du wenigstens und kannst, mit etwas Glück, ein paar schöne Bilder machen!


Ich
Der blöde Bus kommt aber nur alle 20 Minuten, und wenn ich Pech habe, ist der Anschlussbus schon weg, weil unterwegs Mal wieder Stau ist.

Auch Ich
Ach Du meine Güte! So spät ist kurz nach Vier ja schließlich auch nicht und eine Stunde ist eine Stunde!


Ich
So ein Riesenaufwand für eine Stunde Frischluft? Und dafür dann zwei Stunden mit dem Bus unterwegs? Oh näääh! Kein Bock!

Auch Ich *guckt auf der Wetterapp nach dem Zeitpunkt für den Sonnenuntergang*
Guck doch Mal! Die Sonne geht erst kurz nach Sieben unter, dann bleiben drei Stunden Park, bis es dunkel wird! *triumphierend*


Ich *überzeugt*
OK, dann jetzt aber schnell, der nächste Bus kommt in 12 Minuten!
 ............................................................................................................................

Obig wiedergegebenes Gespräch ist die stark vereinfachte Extrem-Kurzversion dessen, was sich in meinem Kopf abspielt. Diskussionen mit mir selbst können sich hinziehen. Lange. Schwankend zwischen Ja und Nein, kürze ich die Hosenbeine, stehe prüfend vor dem Spiegel, suche einen passenden Pullover und ein versteckt irgendwo sitzendes "Abwarte-Ich" seufzt zwischendurch genervt.

Das Ergebnis


Nachdem ich bereits mehr als reichlich geschrieben habe, folgen jetzt ohne weitere Umschweife und höchstens mit einigen sparsamen Erklärungen versehen, die Bilder des Tages.

Anstelle der Krokusse begrüßen mich diesmal gelbe Narzissen.
Gelbe Osterglocken inmitten unzähliger Blausterne
Sonne und Schatten auf meinem Weg
Verströmen einen wundervoll intensiven Duft, die Blüten der Großblütigen Abelie (Abelia xgrandiflora).

Großblütige Abelie (Abelia xgrandiflora) - Blüten
Großblütige Abelie (Abelia xgrandiflora) - Strauch
Suchbild mit Narzissen
Gefunden - gelbe und weiße Osterglocken

Bei Sonnenschein und 20 Grad Außentemperatur trieb es viele Menschen an die Luft. Die Plätze im Café am See waren gut besetzt und das laute Stimmengewirr der dort versammelten Menschen hallte weit durch die klare Luft.

Blick zum Café am See
Blick über den See
Mir war das Treiben zu laut und so nahm ich Zuflucht zu mehr Ruhe, die man auf den Nebenwegen eher findet.

Zigarettenpause am Wegesrand
Belvedere - Eine Nebelkrähe genießt die Aussicht aus dem Baumwipfel
Kugelige Knospen
Diese Birkengruppe erinnert mich an meine Kinder. Was gemeinsam gewachsen ist, strebt in verschiedene Richtungen, ohne den Kontakt zu verlieren. Ein schönes Sinnbild, für Eigenständigkeit und Zusammenhalt, wie ich finde.

Birkengruppe
Durchblick auf dem Weg zum "Gipfel"
Von dem Hügel, sitzend auf einer Bank, versank ich in die wundervolle Aussicht. Den Lärm hatte ich mit jedem Schritt hinauf weiter hinter mich gelassen. Sitzen, den warmen Wind im Gesicht spüren, die Landschaft mit den Augen trinkend. Dem Wind und den Vögeln zuhören. Pures SEIN. Genuss. Glücksmomente atmend.

Aussicht
Der Blick in den Baum über meinem Kopf.
Gewundene Wege
Eine einzelne blaue Glockenblume
Echte Schlüsselblume (Primula veris)
Vom Winter übrig geblieben - die roten Beeren des Gemeinen Schneeballs
Goldene Kugel im Sonnenlicht
Wer seine Sinne intensiv nutzt, braucht dringend eine Pause. Gekrönt mit einem Latte macchiato und, damit das gute Stück weiter wächst, beschäftigt. mit einer Häkelarbeit. Grafisch. Klar. Schnörkellos.

Handarbeiten und Latte macchiato in der Sonne. Herrlich!
Noch wird es kalt, sobald die Sonne im Untergehen begriffen ist. Meine dicke Jacke lag zu Hause, aber Bewegung wärmt und so nutzte ich die letzten Sonnenstrahlen für Bilder mit weicherem Licht.

Weißer Brückensteg
Schattenspiele
Rieisig, aber ungenießbar, das Eis mit Sahne in der Plastikwaffel
Kornelkirsche mit Himmelblau
Büten der Kornelkirsche
Abendstimmung
Das letzte Bild des Tages.
Sonnenglanz im Wasser

Es sollten nur ein paar Bilder werden. Etwas Aktuelles, damit die mentale Warteschlange nicht noch länger wird. Es ist mehr geworden, was wohl nicht nur an dem schönen Tag gelegen hat. Es ist meine Art, die Welt zu sehen. So viel Schönheit, so viele Details, da fällt es mir schwer, mich zu beschränken.

Das Schöne zu sehen, ist oft problematisch, weil wir uns auf das Negative konzentrieren. Die Berichterstattung in den Medien verstärkt diesen Effekt um ein Vielfaches.

Den Blick für das Schöne nicht zu verlieren, den Augenblick genießen, das sind die Dinge, die ein Leben lebenswert machen.

Ariana


© Fotos & Text by Ariana Lazar 30/03/2017

Alle Rechte vorbehalten >< All rights reserved